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Folge #022 · 08.10.2025 · 42 Min.

Corporate Venture Building in der Kreislaufwirtschaft mit Florian Fehr: Wie NEEW Ventures KI-Störstofferkennung vom Konzern-Pilot zum internationalen Roll-out skaliert

Heike Löffler spricht mit Florian Fehr, Managing Director von NEEW Ventures (EEW), über Corporate Venture Building in der Kreislaufwirtschaft.

Im Gespräch zeigt Florian, wie WASTEER – eine KI-gestützte Störstofferkennung für Müllverbrennungsanlagen – reale Ausfälle und Emissionen reduziert. Er erläutert, wie das Team mit Kameras als Datenzugang, schnellem MVP-Bau und ersten fünf Pilotstandorten im Konzern startete, heute 15 Anlagen ausgerollt hat und 50 % der Umsätze extern generiert. Gleichzeitig teilt Florian, was es für erfolgreiches Corporate Venture Building braucht: ein unabhängiges Hiring, eine separate Beschaffung und Founder-Beteiligung. Warum Konzern-Synergien als „unfairer Vorteil“ funktionieren und Commitment von mindestens drei Jahren nötig bleibt, diskutieren wir ebenso wie Co-Build-Erfahrungen mit Berlin Recycling und den neuen Waste & AI Hub für schnellere Implementierung im Kerngeschäft.

Über den Gast:

Florian Fehr ist Managing Director von NEEW Ventures, der Venture-Unit von EEW Energy from Waste. Mit NEEW Ventures entwickelt er Geschäftsmodelle für die Kreislaufwirtschaft und schafft ein stabiles Umfeld, in dem progressive Ideen schnell Realität werden. Als Gesellschafter und Geschäftsführer der ersten Ausgründungen WASTEER und Minimise ist er aktiver Teil des Gründungsteams – mit dem Anspruch, die Kreislaufwirtschaft zu revolutionieren.


Transkript

Da ist das Setup so, da gehört dem Corporate 70 % und wir sind drei Gründer, uns gehören jeweils 10 %. Wir können nicht sagen, wir sind ein Venture Builder oder ein Gründer und dann haben wir keinerlei Anteile an den Themen. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Return on Innovation. Heute ist Florian Fehr bei uns zu Gast und er ist der Geschäftsführer von NEEW Ventures, einer hundertprozentigen Venture-Tochter von Europas größtem Müllverwerter, nämlich der EEW. Und seit 2021 baut er dort neue Start-ups in dem Bereich der Kreislaufwirtschaft und der Energieeffizienz. Und ich würde sagen, herzlich willkommen, Florian, und nimm uns doch am besten selber mal kurz mit, was macht ihr genau bei NEEW Ventures? Ja, Heike, danke für die Einladung. Hast du auch schon sehr gut eingeleitet. Wir sind ein Venture Builder, das heißt, wir bauen vom Scratch neue Firmen, die wir dann versuchen, unabhängig auf dem Markt zu etablieren. Also von der Ideenfindung, grüne Wiese, bis hin zur Validierung und dann den Spin-off, das sind die Themen, die wir abdecken und machen das mit einem Fokus in der Kreislaufwirtschaft. Und das Interessante ist, ihr habt euch bewusst dafür entschieden, einen Build-only-Ansatz zu fahren. Das heißt, ihr baut wirklich selber. Und wenn wir so in den Markt reinhorchen, merkt man schon, es ist eine leichte Tendenz da, dass man eher auch in Richtung Venture Clienting geht oder ins Investing, anstelle von selber zu bauen. Warum habt ihr euch für diesen Ansatz entschieden? Ja, das ist vielleicht so ein bisschen auch auch Legacy von mir persönlich, dass ich mit dem mit dem Build-Ansatz unter anderem gute Erfahrungen gemacht habe in der Vergangenheit. Es war aber auch nicht so, dass wir gesagt haben, wir machen Build-only für für immer. Also das ist jetzt vielleicht kurz in die Vergangenheit, als es 21 losging, haben wir gesagt, wir fangen mit der Build-Phase an. Als Hauptgrund ist eigentlich immer derjenige, dass wir sagen, da schaffen wir Akzeptanz, den Respekt und die Anerkennung vom Corporate. Also es gab davor noch keinerlei Aktivitäten in dem Bereich, also es gab kein Investment-Vehikel, es gab kein Start-up-Innovation-Team und da war ehrlicherweise unser Ansatz dann damals, und wir waren beim Setup eben auch involviert, dass wir gesagt haben, es gibt aus dem Corporate Use Cases, die sind groß genug und die haben auch Potenzial für ein eigenes Geschäftsmodell, dann sind wir davon überzeugt, dass wir damit anfangen sollten und haben auch eben mit dem ersten Venture, was wir gemacht haben, ein sehr ja, sehr nahes, ich nenne es immer taktisches Venture dann identifiziert. Dass dieses Thema Venture Build, sag ich mal, ein bisschen weniger populär geworden ist, liegt ja einfach auch daran, dass viele Ventures einfach nicht geflogen sind bei anderen. Und wir tauchen mit dir jetzt mal ein, genau in dieses erste Venture, nämlich WASTEER, und werden mal gemeinsam etwas beleuchten, wie ihr das macht und wie ihr die Sachen zum Erfolg bringt. Was macht WASTEER überhaupt? Also ich weiß, es ist eine KI-gestützte Störstofferkennung, ja, für Müllverbrennungsanlagen. Aber vielleicht erklärst du uns das Produkt noch einmal und wie ihr darauf gekommen seid. Ich nehme die Zuhörerinnen und Zuhörer mal mit, kurz, wie es in so einer Müllverbrennung ausschaut. Also eure Restmülltonne, die wird ja abgeholt, einmal oder zweimal oder dreimal im Monat, und fährt dann unsortiert in die thermische Verwertung, also in die Müllverbrennung. Und da wird sie dann in den Müllbunker gekippt. Das gibt den Hausmüll eben, da ist ein Störstoff zum Beispiel eine Lachgasflasche, die da, warum auch immer, drin gelandet ist. Es gibt aber auch Gewerbemüll. Gewerbemüll ist dann eben auch mal ein Störstoff, ein Schiffsmotor oder ein T-Träger aus der Baubranche oder ein großes Metallteil. Es gibt verschiedene Störstoffe, die dann leider dafür bekannt sind, so einen Verbrennungsprozess zu blockieren, was dann eben dazu führt, Anlagenschaden, Gefahr von Explosionen, was den Anlagenbetrieb schon durchaus sehr stark beeinträchtigt. Das hat man dann immer in Einklang mit, ich habe Emissionsprobleme, weil ich muss meine Anlage abfahren, ich muss die danach wieder anfahren, so nennt man das im Fachjargon, also sprich, ich muss das Feuer wieder anmachen, ne, also wie wenn du dir vorstellst, ich muss mein Lagerfeuer anmachen und nutze dafür eventuell Spiritus, muss man das auch, ich hatte einen Störstoff, ich habe meine Anlage ausgemacht, dann muss man die mit sehr viel Heizöl oder Gas eben wieder auf 1000 Grad bekommen. Das ist alles nicht ganz so ökologisch. Und da haben wir angesetzt und haben eben, wie du richtig gesagt hast, wir installieren Kameras, das ist eben unser Data Access Point, und generieren Videofeeds, die wir runterschneiden in ganz viele Fotos. Und dann analysieren wir und gucken uns Störstoffe an, gucken uns an, was ist so ein Heizwert, für die Müllverbrenner ein wichtiges Thema, dass man eben sagt, wie wie konstant kann ich das Feuer am am

oder halten sozusagen. Äh und das ist so unsere Haupt- äh Haupt-Use-Case und da haben wir vor zwei Jahren mit angefangen. Jetzt hast du eben gesagt, das ist nicht ganz ökologisch, wenn äh wenn es dann einen Störfall gibt, aber das kostet ja auch. Also kannst du das ausdrücken, was eure Kunden sparen können durch eure Anlage? Ja. Grundsätzlich kann man sagen, ähm ein so ein so ein Störfall, ein Anlagenstillstand, da sind wir ganz schnell im sechsstelligen Bereich. Jetzt kommt es immer auf die Anlage drauf an, ist das ein Stoffstrom, da sind sehr viele Störstoffe drin oder nicht, ne? Das ist immer sehr individuell, aber wir gehen hin und sagen, wir können euch analysieren, was wir gefunden haben, dann kann man einen Wert z.B. auf eine Gasflasche packen, weil ähm der Müllverbrenner auch in der Lage ist, ähm eine Pönale an den Kunden z.B. zu geben, wenn der nicht konform anliefert. Äh also gibt verschiedene Wege, wo wir einerseits sagen können, wir haben einen Anlagenstillstand verhindert, wir haben Dinge identifiziert, für die dann Rechnungen gestellt werden mussten oder konnten, wir haben das Thema Heiz- Emissionsschwankungen z.B. im Griff gehalten. Gibt da unterschiedliche KPIs, die wir bemessen, aber das Schöne ist, ähm kommerziell sind wir da im Jahr eins schon durchaus sehr positiv für unsere Kunden unterwegs. Und wie sieht das für euch aus? Weil du hattest ja gemeint, das ist äh durchaus eines der Erfolgs-Cases, also nicht nur der erste Case, sondern ein Erfolgs-Case für euch. Ja, also Erfolgs-Case, jetzt sind wir äh 23 gestartet, jetzt sind wir in 25, also es ist, wie es jetzt ausschaut, läuft es äh wirklich sehr, sehr gut. Warum ist es ein Erfolgs-Case? Wir haben im ersten Jahr ähm mit fünf Kunden ähm aus der EEW-Gruppe angefangen. Wir haben auch nicht den Top-down-Approach gewählt, sondern wir haben fünf Vorreiter gefunden, die das äh die da auch dran glauben und die das dann mit uns entwickelt haben. Also wir hatten fünf Kunden, konnten dann da beweisen, dass es funktioniert und dann ging es bei der EEW-Gruppe weiter und haben jetzt äh 15 äh Kunden aus der EEW-Gruppe. Der Erfolgsfaktor ist jetzt ähm eingetreten, weil wir, was unsere Umsätze angeht, an sich 50 % EEW-Umsätze haben und 50 % externe. Also sprich, wir sind an sich extern am Markt validiert, haben Kunden in England, in Polen, äh in den Niederlanden, in Italien. Ähm und da bin ich deswegen so positiv gestimmt und sag, wir sind auf einem sehr guten Weg. Und seid ihr selber schon profitabel? Cashflow äh sind wir positiv dieses Jahr, ähm profitabel noch nicht. Das ist dann immer so die Balance Wachstum versus äh Profitabilität, äh die wir haben wollen, aber wir sind äh gemäß Plan äh unterwegs. Jetzt hattest du schon was zu Kunden gesagt. Vielleicht bleiben wir da noch mal beim Vertrieb und Go-to-Market und da habt ihr natürlich, ich sag mal, eine Synergie und eine Chance auch durch die Einbindung in den Konzern. Ist das immer so, dass ihr innerhalb des Konzerns die ersten Kunden findet? Ja, also das ist, glaube ich, ein Punkt, warum ich weiterhin auf das Thema Venture Building oder Corporate Venture Building äh auch sehr positiv gestimmt bin, weil das ist halt ein ein unfair unfair Advantage, was andere nicht haben. Und wenn man das ordentlich hebeln kann, dann hat man einfach einen einen Rückenwind, der sonst schwerfällt. In diesem ersten Case war es ganz genauso. Ähm wir haben auch die weiteren Ventures, die wir gestartet haben, immer mit der äh an sich ähm mit dem Strategie-Alignment gemacht, dass das in die Gruppenstrategie mit reinpasst, um dann eben auch zu schauen, diesen Rückenwind nutzen zu können. Also was ist von New Ventures die die die Capability, die wir mitbringen können? Ist es das Branchenwissen über den Abfall, ist es die Kreislaufwirtschaft, die wir irgendwie verstanden haben, weil Regulatorik äh vielleicht sich in die richtige Richtung ergibt? Wir achten da schon drauf, dass wir dass wir da einen einen Trigger finden. Gibt es denn wiederum andere Bereiche, wo ihr euch bewusst losgelöst habt von dem Konzern? Also ich sag mal, ihr arbeitet jetzt ja, das sind ja IT-lastige oder Tech-Produkte, die du gerade genannt hattest, ne, AI-basiert. Ich kenne das äh aus meinen Corporate Ventures, da kommt auch gerne mal das IT-Audit um die Ecke, was einen eher bremst, oder man arbeitet in in, ich sag mal, Infrastrukturen, die vielleicht nicht immer die größte Geschwindigkeit bringen. Gibt's Punkte, wo ihr sagt, da haben wir bewusst uns losgelöst von von der Mutter? Ja. Also vom Setup war es schon so, ähm wir sitzen hier in Berlin mit unserem Büro, haben vom Layout und von den von den Profilen, die wir da auch haben, sind wir schon komplett anders. Äh wir haben auch gesagt, wir stellen komplett neue äh äh Teammitglieder ein. Also ist nicht so, es gibt irgendwie drei aus dem Konzern, die innovativ sind und nehmt nehmt die doch mal auf und baut dann mit denen was, sondern da haben wir schon gesagt, nee, nee, die suchen wir, also ich habe äh Philipp bei mir mit dabei als Co-Geschäftsführer, äh haben wir gesagt, jeder, der hier im Team äh eine Rolle spielt, die wollen wir schon selber aussuchen. Also das war sicherlich ein relevanter Punkt. Ähm der zweite Punkt war dann sicherlich, dass wir gesagt haben, die Einkaufsprozesse machen wir jetzt nicht über den Konzerneinkauf, sondern die machen wir selber. Ähm und natürlich haben wir Budgetzahlen, die wir reporten müssen, wir werden 100 % konsolidiert und es gibt hin und wieder auch mal einen Audit, äh was man vielleicht sonst nicht hätte im zweiten Jahr der Firmengeschichte, aber das ist dann, wo ich auch so gesagt habe,

Heike Löffler...das das Positive, was wir haben, an so einem größeren größeren Konstrukt dabei zu sein, kommt halt auch hin und wieder äh mit ein paar Verbindlichkeiten. Und ich bin da auch so, wenn man andere Investoren hat, äh dann hat man da ja auch genügend zu tun. Also, ja, es ist manchmal leidlich, dass man dann sagt, warum genau muss ich jetzt meinen Businessplan in einen Businessplan packen, der eigentlich für eine Müllverbrennung äh passig ist, aber auch da hat man dann so ein bisschen so ein Transformationsthema, und jetzt im vierten Jahr äh ähm gibt's auch so ein bisschen was Eigenes, was wir mal abgeben dürfen. Ansonsten muss ich aber sagen, äh haben wir auch viel Support, äh weil es für viele auch einfach spannend ist, aber natürlich auch einige, die dann sagen, jetzt will ich erst mal gucken, ob es euch noch gibt in zwei oder drei Jahren, und dann reden wir noch mal. Gibt's beides, und deswegen ist es dann noch schöner zu sehen, dass äh WASTEER zum Beispiel so so positiv läuft und dass es eben auch den Kolleginnen und den Kollegen im operativen Geschäft hilft.

Heike LöfflerBevor wir noch mal auf das Thema Team, Struktur und Reporting eingehen, noch mal einen Sprung zurück zu diesem Build-only. Wie gesagt, ihr baut äh tech-lastige Produkte. Baut ihr das alles komplett selber, oder habt ihr da externe Expertise? Weil ihr kommt ja aus dem, eher sag ich mal, aus dem Anlagenbau, aus dem klassischen Geschäft, und das sind ja oft sehr unterschiedliche Kompetenzen.

Florian FehrMachen wir nicht alles selber. Ähm vielleicht ist es jetzt die Hybrid-Antwort. Im Team brauchen wir Leute, die schon wirklich auch von "Ich bau mir mal äh über lovable kurz ein eigenes Produkt, Homepage ist jetzt keine Challenge, und ich geh auch raus und mache mal eine eine User-Befragung selber." Das müssen alle an sich Gründer in spe, wir nennen sie Venture Builder, gut hinbekommen. Und dann haben wir aber Implementierungspartner, wenn es technischer wird, ne? Also haben wir an sich eine Vielzahl von von von Partnern, mit denen wir das machen, wo es dann von bei WASTEER hatten wir zum Beispiel eine Firma, jetzt um das konkret zu machen, Alex, ist Nearshoring, sind Ukraine-ansässig, die dann die die Tech-Entwicklung für uns am Anfang gemacht haben. Nach dem Spin-off haben wir es aber alles inhouse geholt zum Beispiel. Also das ist so im im in der Phase des Venture Buildings ähm holen wir uns dann die Expertise dazu, die wir da brauchen, äh primär auf der Tech-Entwicklungsseite. Und ansonsten müssen die Themen aber von "Ich muss einen Businessplan machen" oder "Ich muss mal eine Hypothese validieren" oder "Ich muss mal eine Facebook-Kampagne äh ähm starten", die wollen wir eigentlich, dass unser Team die hinbekommt.

Heike LöfflerUnd bei WASTEER habt ihr aber trotzdem, auch wenn ihr mit Externen im Bereich Produkt arbeitet, die IP wahrscheinlich alles bei euch.

Florian FehrIP ist bei uns, genau. Ähm in der Übergangsphase war es an sich auch recht einfach, weil da war es ja so projektbasiert, da war die stand die Firma noch nicht mal, ne, das läuft lief dann die Beauftragung lief dann über hy Ventures. Und dann ist natürlich irgendwann der Moment, vielleicht auch auch als als ein äh als ein Insight, was wir dann machen, ist, die hy Ventures verkauft dann das Asset, ne? Also es passiert der Moment, wir haben hier was, äh wir haben einen Businessplan, wir wir treten an, wir wollen da äh fünf Jahre jetzt äh gute Zahlen erreichen. Und dann geht's eben darum, die WASTEER GmbH jetzt als Beispiel soll gegründet werden, und dann passiert quasi, dass hy Ventures verkauft ein Asset an die WASTEER GmbH, und dann muss natürlich noch mal Geld auch reingeholt werden, das ist das, was wir dann damals gemacht haben, wie sich das ganz explizit gestaltet hat, ja.

Heike LöfflerAber die WASTEER GmbH selber, die soll langfristig quasi dann im im Besitz der EEW bleiben, oder habt ihr da andere Investoren noch mit drin, oder zieht ihr sogar auf einen einen Exit?

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