
Digitale Services für die Recyclingindustrie mit Julia Stadler: Wie STADLER Anlagenbau ein profitables Geschäftsmodell in zwei Jahren aufbaute - Innovation Classics
In dieser Folge der Innovation Classics sprach Heike im Juli 2025 mit Julia Stadler, Co-CEO von STADLER Anlagenbau, über die digitale Transformation im Maschinenbau.
Im Mittelpunkt des Gesprächs steht der erfolgreiche Aufbau eines digitalen Servicegeschäfts bei einem klassischen Anlagenbauer. Julia erklärt, wie sie bei STADLER eine Plattform für datenbasierte Services rund um Müllsortieranlagen entwickelt hat – von Predictive Maintenance bis Materialanalyse. Sie berichtet von frühen Hürden, interner Skepsis und einem Markt, der erst lernen musste, dass Softwarelösungen ihren Preis haben. Im Zentrum steht die Frage, wie digitale Innovation in einem klassischen Familienunternehmen verankert werden kann und wie es gelingt, Kundenfeedback, Prototyping und Pricing neu zu denken in einer Industrie, die bislang Maschinen statt digitale Module verkauft hat.
Über den Gast:
Julia Stadler ist Co-CEO von STADLER Anlagenbau und baute dort in nur zwei Jahren ein komplett neues digitales Geschäftsmodell auf, das bereits in über 25 Anlagen zum Einsatz kommt. Zuvor war sie in der Strategieberatung tätig und gründete ein eigenes Start-up im Bereich Unternehmensnachfolge. Seit kurzem teilt sie sich die Geschäftsführung mit ihrem Vater und gestaltet den Generationenwechsel im eigenen Unternehmen aktiv mit.
Transkript
Wir sind mit diesen digitalen Lösungen wirklich die Ersten am Markt. Also, jetzt kommen immer mehr andere, die da auch ein bisschen nachziehen, aber in einem deutlich geringeren Ausmaß. Das ist der Return on Innovation Podcast mit Anne Schlösser und Heike Löffler. Julia, herzlich willkommen und schön, dass du heute mit dabei bist. Am besten wir fangen damit an, dass du mal kurz in deinen Worten erzählst, was STADLER Anlagenbau eigentlich genau macht. Super, vielen Dank, Heike, auch für die Einladung. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein. Genau, zu deiner Frage, was machen wir als STADLER? Wir bauen Müllsortieranlagen für die Abfallwirtschaft weltweit. Das heißt, wir planen die Anlage, wir produzieren sie, auch mit einer recht hohen Fertigungstiefe, und montieren die Anlage vor Ort. Das heißt, unsere Kunden sind dann diejenigen, die die Anlage betreiben, und auch da unterstützen wir sie über unseren Service und auch mit unseren digitalen Lösungen. Wir bauen die Müllsortieranlagen für unterschiedliche Arten von Abfall, also von Verpackungen über Hausmüll, Textilien bis hin zu Elektroschrott. Und man muss da dazu auch erwähnen, jede Anlage von uns ist individuell konzipiert. Die Abfallsammlung je nach Ort ist unterschiedlich und auch sonst variieren die Gegebenheiten. Insofern ist es ein sehr individuelles Geschäft. Und nicht, dass ich es vergesse, auch vorneweg ein ganz herzlichen Glückwunsch von uns, nämlich zur neuen Co-CEO-Rolle, die du jetzt vor Kurzem übernommen hast. Du bist ja schon länger im Unternehmen dabei. Vielleicht magst du noch mal erklären auch, wie sich deine Rolle gewandelt hat in den letzten zwei Jahren. Ja, super gerne, also auch vielen Dank für die Glückwünsche. Ich habe ja 2023 bei uns angefangen im Unternehmen und habe den Digitalbereich geleitet. Das war so ein bisschen wie eine Gründung im eigenen Unternehmen. Also, ich hatte ein Team von zwölf Leuten, wir haben sehr viel experimentiert, Prototypen gebaut etc. Und jetzt in der neuen Co-CEO-Rolle, würde ich sagen, hat sich meine Perspektive etwas geweitet. Also, es kamen auch weitere Verantwortungsbereiche bei mir hinzu, also von Personal über das Servicegeschäft, Prozessmanagement, IT und auch das Thema Kommunikation und Marketing. Das heißt, insgesamt ist meine Rolle deutlich strategischer geworden und ich entscheide nicht mehr nur noch, welches Feature in Anführungszeichen live geht, sondern wohin sich auch wirklich unsere gesamte Unternehmensgruppe und unsere Wertschöpfung hinentwickelt. Ja, und vor zwei Jahren bist du eingestiegen, indem du euren Digitalbereich aufgebaut hast, und das ist genau das, was wir uns heute auch zusammen anschauen wollen, denn ihr habt ein komplett neues Serviceportfolio aufgebaut, eine digitale Plattform, von denen Kunden verschiedene Services ziehen können, und vor allen Dingen, ihr seid bereits nach zwei Jahren im siebenstelligen Umsatzbereich unterwegs und das auch noch profitabel. Wir sehen das bei unseren Projekten auch ganz viel, diese Themen as a Service, und vielleicht kannst du mal mit uns teilen, was war denn der Moment, in dem dir klar war, wir müssen in diesen Bereich rein, also digitale Services aufbauen, weil wir sonst wahrscheinlich, ja, die Zukunft verpassen? Ja, das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, der Moment, in dem mir das klar wurde, dass wir etwas tun müssen, ist, ich war 2019 mit meinem Vater in San Francisco und dort haben wir uns mit unterschiedlichen Gründern, Gründerinnen von Start-ups und auch anderen Personen im Tech-Bereich ausgetauscht und gemerkt, es passiert da sehr, sehr viel. Es gibt immer weitere neue Technologien, die auch für unsere Industrie relevant sind, beispielsweise das Thema KI, insbesondere Vision AI. Und auf dieser Basis haben wir dann eine Digitalstrategie erarbeitet und diese dann in unserer Plattform STADLER Connect eigentlich ziemlich konsequent auch umgesetzt. Was genau umfasst denn eure Plattform STADLER Connect? Ich habe verstanden, das sind zwei zentrale Bereiche, die ihr abdeckt. Einmal Services rund um Digital Maintenance und der andere Bereich ist rund um Automatisierung und Materialanalyse, korrekt? Wir bieten im Endeffekt Lösungen in zwei Bereichen an. Der erste Bereich ist das Thema Digital Maintenance. Da geht es vor allem um Maschinendaten, darum, dass man die Verfügbarkeit der Anlage auch erhöht. Da sind Module z. B. Predictive Maintenance oder auch der Stillstandstracker oder die Blockadenerkennung, alles im Endeffekt Lösungen, die Stillstände vermeiden. Auf der anderen Seite, und das ist der zweite Bereich, haben wir die Automatisierung und die Materialanalyse. Das heißt, da geht es stärker um die Materialdaten an sich, also die Daten zum Abfall selbst. Und da haben wir Lösungen entwickelt, die im Endeffekt die Anlagenperformance erhöhen. Das heißt,
ist z. B. über eine automatische Steuerung der Anlage ähm im Bereich von der Siebtrommel, das ist ein Aggregat, ein Kernaggregat in unseren Anlagen. Da haben wir ein Förderband, was sich auf Basis von den Materialdaten verschiebt ähm und so die Anlagenperformance optimiert. Das ist ein Beispiel. Und auf der anderen Seite bei dem Thema Materialien, also Materialanalyse, ist es häufig so, dass in den Anlagen das Thema noch eigentlich so eine Art Blackbox ist. Das heißt, da haben wir beispielsweise ein Produkt entwickelt, den Bale Check-in, ähm mit dem wir erkennen können im Inputstrom der Anlage, was für Materialien genau in die Anlage kommen, ne, also sozusagen die Zusammensetzung der Materialien, um so dann auch den Prozess danach optimieren zu können.
Heike LöfflerUnd wie ist es genau zu diesen beiden Servicebereichen gekommen? Also, warum habt ihr euch dafür entschieden?
Julia StadlerAlso, wir haben ähm tatsächlich vor allem da darauf aufgesetzt, was sind die Schmerzpunkte unserer Kunden, ne? Also, was sind wirklich die Themen, wo unsere Kunden große Herausforderungen haben und wo wir auch mittels Daten einen großen Mehrwert leisten können. Und dann haben wir festgestellt, es gibt sehr, sehr viele Anwendungsfälle so in diesem Maintenance-Bereich und gleichzeitig aber auch in diesem Materialanalyse-Automatisierungsbereich, und so haben wir es dann geschnitten, so dass in beiden Bereichen wir mehrere Use Cases oder Module haben, die sich auch gegenseitig befruchten.
Heike LöfflerUnd wie seid ihr von dieser ersten Idee, sag ich mal, zum zum MVP gekommen? Also, welche Entwicklungsschritte lagen da auf dem auf dem Weg?
Julia StadlerAlso, ich habe tatsächlich, bevor ich operativ eingestiegen bin, so eine Art Projekt gemacht, in dem ich ähm mit verschiedenen Kunden, aber auch Professoren in der Industrie und auch vielen Mitarbeitenden von uns gesprochen habe, also ich habe über 50 Interviews geführt, um da herauszufinden, wirklich, was sind die Themen, wo gibt es auch wirklich Potenzial ähm für digitale Lösungen. Und dann haben wir diese Ergebnisse aus diesen Interviews, ja, würde ich sagen, mal sagen, ziemlich stringent ausgewertet und geschaut, welche Ideen können wir priorisieren, welche vielleicht auch depriorisieren, also wo sollte der Fokus liegen, und so hat sich nach und nach dann wirklich diese Digitalstrategie entwickelt.
Heike LöfflerUnd jetzt ist ja immer noch so ein Schritt von Strategie in wirklich die Umsetzung. Ich meine, ihr habt echte Produkte, ihr verkauft die an den Kunden. Was waren da die ersten Schritte? Ihr habt das auch alles selber entwickelt oder kooperiert ihr da?
Julia StadlerGenau, wir haben das wirklich größtenteils in-house aufgebaut. Was waren die Gründe dafür? Wir haben überlegt, wir möchten da wirklich auch die strategische Kontrolle über äh diese digitalen Themen haben, das heißt auch über die Roadmaps, die Prioritäten, auch den Releasetakt der Module etc. Ähm und wir wollten auch diese enge Verbindung zum Kunden haben, ne? Also, da wirklich schnell auch auf Kundenfeedback reagieren zu können. Ähm genau, gleichzeitig haben wir schon auch in kleineren Bereichen uns Unterstützung geholt, mit Partnern zusammengearbeitet, auch mit Start-ups, ähm aber das war so der Ansatz. Und wie haben wir das gemacht am Anfang? Also, wir haben wirklich sehr, sehr viel Zeit in unseren Anlagen verbracht, machen wir weiterhin, um herauszufinden, was sind die Probleme, und und diese dann auch wirklich in der Tiefe zu verstehen, und gleichzeitig dann auch, so wir dann die ersten Prototypen entwickelt haben, ein schnelles Testing zu ermöglichen. Äh also, dass wir dann wirklich die, ich sag mal, sehr groben Ideen direkt mit unseren Kunden validiert haben. Eigentlich ist so eine Art Co-Creation auch mit entstanden, und ich glaube, das das war sehr hilfreich für uns, weil wir wir haben nicht die allergrößte Expertise im Betreiben der Anlage. Das kennen kennen sich unsere Kunden viel, viel besser aus. Das heißt, da schnell dieses Feedback zu bekommen, ich glaube, das war so der entscheidende erste Schritt auch für die digitalen Lösungen.
Automatisch erstellt, kleine Fehler sind möglich.