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Folge #056 · 17.06.2026 · 48 Min.

Return on Innovation in der Natur mit Dirk Brockmann: Wie Unternehmen aus 4 Milliarden Jahren Evolution lernen und durch Symbiose radikale Durchbrüche schaffen

In dieser Sonderfolge spricht Anne Schlösser mit Prof. Dr. Dirk Brockmann darüber, was Unternehmen aus vier Milliarden Jahren Evolution über das Zusammenspiel von Wettbewerb und Kooperation lernen können und was es braucht, um dieses Wissen in moderne Unternehmensführung und messbare Innovationskraft zu übersetzen.

Im Gespräch geht es um das oft missverstandene Prinzip des „Survival of the Fittest“ und die Erkenntnis, dass radikal Neues in der Natur selten durch reinen Konkurrenzkampf, sondern vornehmlich durch symbiotische Kooperation hoch diverser Akteure entsteht. Am kontrastreichen Beispiel eines auf höchste Effizienz getrimmten Formel-1-Autos und eines in sich redundanten, anpassungsfähigen Korallenriffs wird deutlich, warum Resilienz für Unternehmen in Zeiten des Mangels und disruptiver Veränderungen oft entscheidender ist als reine Optimierung. Dirk erklärt, wie Organisationen diese biologischen Netzwerkeigenschaften nutzen können, indem sie hierarchische Silos gezielt aufbrechen und in laterale, dynamische Verbindungen investieren. Außerdem geht es um das Erkennen früher Warnsignale vor systemischen Kipppunkten und wie Unternehmen den aktuellen Herausforderungen der KI-Transformation durch kooperatives Handeln begegnen können. Abschließend blickt Dirk auf die Voraussetzungen für echte Durchbrüche und macht klar, dass radikale Innovation nicht durch Wettbewerbsdruck erzwungen werden kann, sondern ein organisatorischer Nährboden aus Diversität, durchlässigen Grenzen und Vertrauen nötig ist.

Über den Gast 

Prof. Dr. Dirk Brockmann verbindet die Denkweisen aus der theoretischen Physik mit den Lebenswissenschaften als promovierter Physiker und Professor für Theoretische Biologie an der TU Dresden. Als Leiter des Center Synergy of Systems erforscht er die Komplexität von Ökosystemen sowie das Skalieren von Schwarmverhalten und zeigt in seinem aktuellen Buch „Survival of the Nettest“, warum Kooperation der wahre Motor für nachhaltigen Fortschritt und Resilienz in der Natur ist.

Transkript

Dirk BrockmannResilienz ist wichtiger als die Effizienz. Wir verstehen das ja oftmals falsch. Wir denken sozusagen, Ressourcen kann man sparen, indem man effizienter wird. Das ist natürlich auch richtig, aber es muss halt ergänzt werden durch Kooperation und Redundanz, damit man auch flexibel reagieren kann. Also gerade bei großen Wirtschaftsunternehmen ist es ja ein Problem, dass sie nur sehr langsam auf disruptive Änderungen überhaupt antworten können. Das sind halt alles Systeme, die für einen Zweck sehr gut funktionieren. Das wird immer optimiert, aber es wird vergessen, dass man Redundanz haben muss, falls irgendetwas sich ändert.

SprecherDas ist der Return on Innovation Podcast mit Anne Schlösser und Heike Löffler.

Heike LöfflerLiebe Hörerinnen und Hörer, bevor es reingeht in die nächste Folge, ein kleiner Werbeaufruf in eigener Sache. Wenn euch unser Podcast gefällt, freuen wir uns sehr, wenn ihr uns fünf Sterne hinterlasst und auf Spotify folgt. Das hilft uns nämlich, die Sichtbarkeit zu erhöhen und vor allem damit weiterhin so spannende Gäste hinters Mikro zu bekommen, die ihre Insights aus Corporate Innovation mit euch teilen. Vielen Dank vorab und jetzt viel Spaß mit der Folge.

Anne SchlösserHerzlich willkommen zu einer besonderen Folge von Return on Innovation. Normalerweise spreche ich mit Führungskräften in Unternehmen darüber, wie sie Innovation organisieren. Heute mache ich es mal anders. Mein Gast ist Dirk Brockmann, Professor für theoretische Biologie an der TU Dresden und Leiter des Center Synergy of Systems dort. Dirk hat sich in seiner Forschung damit auseinandergesetzt, wie Schwarmverhalten skaliert und sich in jüngerer Vergangenheit mit dem Thema Kooperation in der Natur befasst. Sein aktuelles Buch „Survival of the Nettest“ stellt eine Frage, die mich als Innovationsberaterin aufhorchen lässt. Was können wir aus der Natur über Wettbewerb und Kooperation lernen und auf moderne Unternehmensführung übertragen? Wir sprechen darüber, warum revolutionäre Innovationen nicht nur auf Wettbewerb zurückgehen, sondern vor allem auch auf Kooperation und warum Redundanz wichtiger sein könnte als Effizienz. Aber auch, was ein Korallenriff mit einem Großkonzern gemeinsam hat und was das alles für Unternehmen bedeutet, die sich gerade mitten in einer KI-Transformation befinden. Herzlich willkommen, Dirk. Ich freue mich.

Dirk BrockmannJa, ich freue mich auch.

Anne SchlösserDirk, fangen wir mal an. Du bist promovierter Physiker und jetzt Professor für theoretische Biologie. Das finde ich wahnsinnig spannend, da möchte ich auch gleich zweimal nachhaken. Erstens mal, wie ist das passiert, also von Physik zur Biologie, und was ist eigentlich theoretische Biologie genau?

Dirk BrockmannJa, also der Weg ist jetzt nicht so ganz untypisch. Es gibt halt viele Menschen, die fangen, sagen wir mal, an, eine Sache zu studieren. In meinem Fall war das theoretische Physik, interessieren sich aber halt insbesondere für Phänomene, die nicht so eindeutig in einen Bereich einzuordnen sind. Und mich hat schon sehr früh haben mich biologische Phänomene interessiert. Ich habe viel mit neuronalen Netzen am Anfang gearbeitet und dann theoretische Ökologie gemacht, also Ökosysteme, also alles, was so komplexe Systeme sind, hat mich interessiert und ich glaube, ich gehöre halt zu einer Community von Menschen, die zwar die Denkweise aus der Physik erlernt haben, wie man Sachen betrachten kann, wie man so das Wichtige vom Unwichtigen entscheiden kann oder auch Dinge in mathematische Formeln fassen kann, das aber anwendet in anderen Bereichen, also in Lebenswissenschaften, der Biologie oder in den Sozialwissenschaften, viel spielt, also Netzwerkforschung spielt eine große Rolle. Und das fing bei mir sehr früh an. Und ich finde einfach sowohl die Physik als auch die Biologie einfach sehr faszinierend, weil es da noch so sehr fundamentale offene Fragen gibt, die einfach so krass wundersam sind, dass sie mysteriös fast schon sind und das interessiert mich und so bin ich da so reingerutscht. Und die theoretische Biologie oder meine Professur ist für die Biologie komplexer Systeme, da versucht man halt, Fragen in der Biologie mit diesen Methoden aus der Physik zu beantworten.

Anne SchlösserDein erstes Buch handelte ja von komplexen Systemen. Im neuen Buch geht's eher um Kooperation. Was hat sich zwischen den beiden Büchern verändert in der Forschung oder in deinem Denken?

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