
Wachstumsstrategien im volatilen Zukunftsmarkt mit Dr. Werner Ponikwar: Wie thyssenkrupp nucera den Wasserstoff-Hype durch ein ausbalanciertes Portfolio in nachhaltiges Wachstum verwandelt
In dieser Folge spricht Heike Löffler mit Dr. Werner Ponikwar darüber, wie sich Unternehmen in volatilen Zukunftsmärkten strategisch aufstellen und wie aus dem Hype um Wasserstoff eine skalierbare Industrie für die Energiewende wird.
Im Gespräch geht es um den Wasserstoffmarkt, der nach anfänglicher Begeisterung und anschließender Desillusionierung nun in eine Phase des realistischen, gesunden Wachstums eintritt. An konkreten Anwendungsfällen wie dem Ersatz von grauem Wasserstoff, der CO2-freien Stahlproduktion und der saisonalen Speicherung von Wind- und Sonnenenergie wird deutlich, welche zentrale Rolle Elektrolyseure im künftigen Energiesystem spielen. Werner erklärt, wie thyssenkrupp nucera die strategischen Unsicherheiten durch Szenariodenken meistert und wie ein diversifiziertes Portfolio das dynamische Wasserstoffgeschäft mit dem stabilen, cashflow-starken Chlor-Alkali-Markt ausbalanciert. Außerdem geht es um strikte Gate-Prozesse zur frühen Prüfung von Innovationen, die Notwendigkeit von klarem Fokus und wie gezielter interner Wettbewerb sowie Startup-Kooperationen technologische Durchbrüche beschleunigen.
Über den Gast
Dr. Werner Ponikwar ist CEO von thyssenkrupp nucera, einem Weltmarktführer für Elektrolyse-Technologie, und treibt dort maßgeblich die Skalierung und Industrialisierung von großtechnischen Anlagen zur Erzeugung von grünem Wasserstoff für eine klimaneutrale Industrie voran. Der promovierte Chemiker bringt dafür tiefgreifende Branchenerfahrung mit, die er unter anderem beim Aufbau des Wasserstoffgeschäfts als Geschäftsführer der Linde Hydrogen FuelTech GmbH sowie in Managementpositionen bei der Evonik GmbH und der Strategieberatung Arthur D. Little sammelte.
Transkript
Werner Ponikwaruns ganz klar und auch offen kommuniziert und als börsennotiertes Unternehmen tun wir das auch auf großer Bühne und vor Publikum. Innovation ist für uns einer der Kerntreiber unseres Geschäfts und wenn wir irgendwo sparen, dann ist es als allererstes nicht bei Innovation, sondern wäre es als allerletztes bei Innovation.
Heike LöfflerDas ist der Return on Innovation Podcast mit Anne Schlösser und Heike Löffler. Liebe Hörerinnen und Hörer, bevor es reingeht in die nächste Folge, ein kleiner Werbeaufruf in eigener Sache. Wenn euch unser Podcast gefällt, freuen wir uns sehr, wenn ihr uns fünf Sterne hinterlasst und auf Spotify folgt. Das hilft uns nämlich, die Sichtbarkeit zu erhöhen und vor allen Dingen weiterhin so spannende Gäste hinter das Mikrofon zu bekommen, die ihre Insights aus Corporate Innovation mit euch teilen. Vielen Dank vorab und jetzt viel Spaß mit der Folge. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Return on Innovation. Heute sind wir in Dortmund, nämlich zu Gast bei thyssenkrupp nucera und ich darf mit Dr. Werner Ponikwar sprechen. Du bist CEO. Vielen Dank, dass wir hier sein dürfen.
Werner PonikwarSehr gerne, ist uns eine Freude, euch hier zu haben und über ein tolles Thema zu sprechen.
Heike LöfflerJa, wir sprechen darüber, wie man sich eigentlich aufstellt bezüglich Innovation, insbesondere wenn die Märkte etwas mehr schwanken und die Innovationszyklen noch weiter sind. Aber bevor wir einsteigen, hol uns doch noch mal ab, was ihr eigentlich macht, weil das Thema Wasserstoff, das hat jeder schon mal gehört, aber präziser, ihr seid ja eigentlich Hersteller von Elektrolysetechnologie. Was ist der Kern eures Unternehmens?
Werner PonikwarGenau, hast du gerade schon gesagt, wir sind seit über 50 Jahren damit beschäftigt, sogenannte Elektrolysetechnologie zu entwickeln, weiterzuentwickeln und natürlich auch zu industrialisieren. Was machst du in der Elektrolyse? Die meisten haben es wahrscheinlich schon in der Schule mal ausprobiert. Mit Elektrolyse verwandelt man mit Strom Stoffe, zum Beispiel auch Wasser, in entsprechende andere Stoffe. Ist ein chemischer Prozess und bei Wasser funktioniert das dann so, dass dann damit Wasserstoff und Sauerstoff erzeugt werden kann, weil daraus besteht Wasser nun mal. Gibt aber auch noch andere Anwendungen und eine Anwendung, die wir eben schon sehr, sehr lange machen, ist die Erzeugung von Chlor und Natron- oder Kalilauge, zwei chemische Grundstoffe, die eben auch elektrolytisch, also durch eine Elektrolyse hergestellt werden, indem man eben Strom in so eine Salzlauge sozusagen einbringt über Elektroden und daraus dann letztendlich dann eben Chlor und Natron- oder Kalilauge entstehen lassen kann. Und das können wir sehr gut, weil wir das schon sehr lange machen. Sind damit Weltmarktführer im Bereich dieser Elektrolysen, haben damit natürlich auch sehr, sehr viel Erfahrung angesammelt, viele, viele großindustrielle Projekte auch schon umgesetzt und haben dieses Wissen genutzt, um letztendlich dann auch das Gleiche auf der Wasserstoffseite zu tun, indem man eben ebenfalls durch Strom dann Wasserstoff und Sauerstoff erzeugen kann, den man dann in verschiedensten Anwendungen nutzen kann. Und wenn man das mit erneuerbaren Energien tut, dann ist der Wasserstoff, den man damit natürlich erzeugt, auch nicht belastet durch CO2-intensive Prozesse und hat damit einen Energieträger geschaffen, mit dem man eben Energie auch nutzen kann, ohne dass dabei CO2 emittiert wird.
Heike LöfflerDu hast eben gesagt, es kommen mehrere Sachen raus, ne, aber Wasserstoff ist das eine elementare und es ist einer der großen Innovationsmärkte, gerade wenn wir über Energiewende sprechen, erneuerbare Energien. Auf der einen Seite in den vergangenen Jahren gab es ein starkes Wachstum, auf der anderen Seite schwankt das aber sehr stark. Also es ist ein volatiler Markt. Beschreib doch mal in deinen Worten, was sind so die Phasen, durch die der Markt durchgegangen ist die letzten Jahre.
Werner PonikwarAlso ich glaube, das kann man am besten beschreiben mit etwas, was schon seit fast 30 Jahren beschrieben ist. Es gibt eine Unternehmensberatung, die die sich Gartner nennt und die hat den sogenannten Gartner Hype Cycle mal aufgemalt, der im Wesentlichen beschreibt, durch welche Phasen eine Innovation im Regelfall geht, wenn sie eben kommerzialisiert wird, sprich in den Markt kommt. Und das trifft auch tatsächlich ganz gut auf unsere Erlebniswelt zu, wenn es um Wasserstoff geht und eben Wasserelektrolyse. Dazu gehört, dass da am Anfang eine sehr dynamische Wachstumsphase stattfindet. Warum? Ist was Neues, was in den Markt kommt, alle denken: "Oh, das ist ja toll, das ist ja Wahnsinn, jetzt haben wir was, was irgendwie hier noch nie da war." Riesenbegeisterung und das führt natürlich dann am Schluss zu einer recht überzogenen Erwartungshaltung, was das alles können muss und können kann. So war es beim Wasserstoff natürlich auch und man hat im Wesentlichen gedacht, das ist jetzt der heilige Gral der Energiewende. Manche haben auch gesagt, der Champagner der Energiewende oder alle möglichen lustigen Ausdrücke, aber faktisch waren das alles eigentlich nur Belege für das Gleiche, dass alle viel zu viel erwartet haben von von einer Technologie, die es letztendlich auch schon relativ lange gibt, aber eben nicht in diesem in diesem Marktumfeld. Dann kommt der Punkt, an dem man, ich sag mal, von von PowerPoint dann auf Excel geht und dann in die reale Welt geht und dann feststellt: "Oh, hoppala, so einfach ist das alles gar nicht, mein Business
Werner Ponikwar... Business Case, den ich jetzt geplant habe, der funktioniert so ja gar nicht, ist in der Anwendung doch schwieriger, als ich mir das vorgestellt habe. Und dann rutscht das Ganze relativ schnell ins Gegenteil ab und alle sind wahnsinnig enttäuscht und desillusioniert. Das wird ja alles nie funktionieren und jetzt haben wir uns so drauf gefreut und das ist jetzt aber auch überhaupt nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Und das manifestiert sich dann im Markt darin, dass viele Projekte, die vollmundig angekündigt worden sind und die riesig groß waren, dann plötzlich wieder gecancelt werden oder verschoben werden oder viel kleiner werden und so weiter und so fort. Im Wesentlichen ist das allerdings nichts anderes als eine natürliche Gesundschrumpfung eines, ich sag mal, aufgeblähten, einer Blase, die sich gebildet hat, einfach weil die Erwartungshaltung zu groß war. Dennoch ist der Markt auch, jetzt nachdem diese Blase so ein bisschen geplatzt ist und sich im Endeffekt auch jetzt gesund geschrumpft hat, noch sehr, sehr groß und natürlich auch anspruchsvoll und bietet uns noch genügend Raum, um uns selbst zu entwickeln. Und aus der Phase sind wir jetzt so langsam aber sicher, glaube ich, raus und wir kommen langsam in eine Phase, in der der Markt und die Kunden verstanden haben, wo der Einsatz von Wasserstoff wirklich sinnvoll ist, wie man diese Elektrolysetechnologie sinnvoll und gewinnbringend einsetzen kann und welche Rahmenbedingungen dafür eigentlich nötig sind. Und das ist eine Phase der Erkenntnis, die dazu führt, dass der Markt natürlich auch wieder vernünftig wächst und und gesund wächst, bis man dann in eine Phase gerät, und da sind wir heute natürlich noch nicht, in der tatsächlich dann jeder weiß, wie er mit der Technologie umzugehen hat, jeder weiß, was sie kann, was sie nicht kann, wofür sie gut ist, und man dann tatsächlich in so eine Produktivitätsphase gerät, ja? Und das sind exakt die Phasen, durch die wir gelaufen sind und noch laufen werden. Und wie beschrieben, sind wir momentan wahrscheinlich eher aus dieser Desillusionierungsphase raus und so langsam reift die Erkenntnis, was man mit Wasserstoff tatsächlich bewirken kann und was eben nicht.
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